Kalendarisch sind wir bereits vor fast zwei Wochen ins neue Jahr gestartet für das wir allen natürlich noch die besten Wünsche aussprechen möchten! Lässt man seinen Blick aber hier in Loburg über den Hof schweifen, wird schnell klar, dass sich die Natur gerade jetzt in ihrer tiefsten Ruhephase befindet und von „Neuanfang“ noch überhaupt nichts wissen möchte. Väterchen Frost und Frau Holle haben uns fest im Griff und machen sich einen Spaß daraus, immer wieder für gefrorene Wassereimer in unseren Volieren zu sorgen.
Gegen Frostfutter gehen wir natürlich unermüdlich vor und abgesehen davon haben unsere Pflegetiere auch keine Probleme mit den aktuellen Witterungsbedingungen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie „hart im Nehmen“ Wildtiere doch sind. Oft werden wir gefragt, was wir mit unseren Pflegestörchen im Winter machen, schließlich sollten sie doch zu dieser Jahreszeit in wärmeren Gefilden urlauben. Die einfache Antwort auf diese Frage lautet: nichts, zumindest nichts Aufwändiges. Sie haben wie gewohnt ihr festes Dach über dem Kopf und sind dadurch etwas wettergeschützt aber die Volierenwände bestehen weiterhin nur aus Netzen. Wir bauen ihnen auch im tiefsten Winter keine beheizte Hütte auf. Warum nicht? Weil sie von Natur aus gut ausgestattet sind, um mit normalem Wetter umzugehen. Ihre Daunenjacke tragen sie stets am Körper. Federn sind die beste Isolierung, die ein Vogel zur Verfügung hat. Viele Arten lassen sich im Herbst sogar zusätzliche Federn wachsen um im Winter besser geschützt zu sein. Einen zusätzlichen Kälte- aber vor allem auch Feuchtigkeitsschutz bietet die Fettschicht, die Vögel mit einem Sekret aus ihrer Bürzeldrüse am Schwanzansatz mit Hilfe ihres Schnabels beim Putzen auf ihrem Gefieder verteilen. Für eine extradicke Luftschicht zwischen Haut und Federaußenseite sorgt Vogel dann, indem er seine Federn aufplustert. Deshalb sehen gerade kleine Vögel, die im Verhältnis zu ihrer Körpermasse eine deutlich größere Körperoberfläche haben, über die sie im Winter Wärme verlieren, auch immer besonders kugelig aus, wenn es kalt wird. Die sind nicht dick, die haben nur dicke Federn!
Ein weiteres Winterproblem, mit dem sich vor allem Frauen und Kinder identifizieren können dürften, sind kalte Füße. Grundsätzlich haben Vogelfüße immer eine Temperatur, die deutlich unter der Körperkerntemperatur liegt. Das ist so lange unproblematisch, bis die Außentemperatur zu weit absinkt. Schuhe anziehen geht bei Vögeln schlecht, denn selbst mit den modernsten Zehenschuhen wären sie doch zu eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit und würden beim kleinsten Windchen vom Ast gepustet. Was also tun gegen kalte Füße? Nein, man steckt sie nicht dem Partner unters Gefieder! Aber man kann sie durchaus sich selbst unter die Daunen stecken. Vögel mit relativ kurzen Beinen (im Verhältnis zur Körpergröße) können beide Beine simultan vor Kälte schützen, indem sie sich draufsetzen. Sie sinken im Sitzen dann so weit herab, dass Beine und Füße im Bauchgefieder verschwinden.
Vögel mit langen Beinen, wie unsere lieben Störche, müssten sich, um beide Beine simultan zu wärmen auf den kalten Boden setzen und würden dann nicht nur ihre Beine wärmen, sondern auch unnötig viel Wärme an die Umgebung abgeben und das will ja niemand. Wir heizen schließlich nicht für draußen! Ihre Taktik ist also eher einseitig ausgerichtet. Einen Fuß kann man leicht warm halten, indem man das Bein anlegt und unter das wärmende Gefieder steckt. Auf dem anderen Bein steht man – dank Schnappgelenk energiesparend, wie wir in unserem Adventskalender erklärt haben – und später wird gewechselt.
Ein Fuß steht also immer am Boden. Wieso friert er dann aber im Winter nicht fest? Weil er unter Strom steht. Dass man auch mit Strom Wärme erzeugen kann, haben nicht erst wir Menschen entdeckt. Der Strom, den Vögel dafür verwenden ist allerdings ein anderer als unser Wechsel- oder Gleichstrom. Gegenstrom nennt sich das Geheimnis, das sich besonders eindrucksvoll Wasservögel auf dem zugefrorenen Teich zunutze machen. Nein, hier geht es nicht um den gerichteten Fluss von elektrischen Ladungsträgern aber „gewischt“ bekommt man trotzdem eine - vom Vogelschnabel oder –flügel wenn man seine Finger nicht bei sich behalten kann. Gegenstrom also. Was ist das? Das Gegenstromprinzip beschreibt nichts anderes, als dass sich im Bein die Temperaturen des warmen arteriellen und kalten venösen Blutes gegenseitig beeinflussen. Die großen Blutgefäße liegen im Vogelbein sehr nah beieinander. Das vom Herzen kommende, körperwarme, arterielle Blut fließt im Bein nach unten und gibt dabei einen Teil seiner Wärme an das kalte, aus dem Fuß zurückströmende, venöse Blut ab. Die kälteste Stelle ist direkt im Fuß. Bis es da unten ankommt, ist das arterielle Blut soweit heruntergekühlt, dass der Vogel Schnee und Eis nicht mehr antaut und damit auch nicht festfrieren kann wie ein unvorsichtiges Kind, das bei Minusgraden am Klettergerüst leckt. In der Gegenrichtung wird das nun sehr kalte venöse Blut auf dem Weg zurück in den Körper wieder deutlich angewärmt, sodass sich der Vogelfußbesitzer nicht vor seinem eigenen Eisfußrückfluss erschrecken braucht – ein eingebauter Herz-Kreislauf-Schutz für unseren gefiederten Schützling. Ist das Gegenstromprinzip jetzt cool oder hot? Das kann gern jeder für sich selbst entscheiden. Nur bitte nicht am eigenen Körper ausprobieren. Unsere Blutgefäße im Fuß sind etwas komplexer verteilt. Dass das Gegenstromprinzip beim Menschen nicht funktioniert, bestätigt euch Reinhold Messner bestimmt gern.
Abgesehen von ihrer physischen Ausstattung haben Vögel verschiedener Arten und Größen aber auch noch weitere Strategien um durch den Winter zu kommen. Wem die eigene Kuscheldecke nicht ausreicht, der rückt z.B. mit seinen Artgenossen extradicht zusammen. Das tun unsere Störche nicht so gern wie der Erich rechts und links der Franz und mittendrin der freche Hans mit ihren spätzischen Artgenossen in Morgensterns leerem Haselstrauch. Auch hier sind uns die Tiere also mal wieder sehr ähnlich: je kleiner das Vögelchen, desto größer das Kuschelbedürfnis. Wenn alle Stricke reißen und kein Kuschelkumpel zur Verfügung steht, können einige Extremisten unter den Vögeln auch ihre Körperkerntemperatur zumindest für kurze Zeiträume stark absinken lassen, dadurch ihren Herzschlag und Stoffwechsel verlangsamen und so Hungerperioden unbeschadet überstehen. Es handelt sich hierbei nicht um einen klassischen Winterschlaf, sondern um den sogenannten Torpor, der dazu dient, Perioden extremer Nahrungsknappheit zu überdauern. Segler wenden diesen Trick z.B. auch im Sommer bei Schlechtwetterperioden an, wenn die Nahrungsverfügbarkeit nicht ausreicht, weil nicht genügend Fluginsekten in der Luft zu fangen sind. Erholsam ist dieser Hungerschlaf für die kleinen Flauschbälle aber keineswegs. Im Gegenteil, er ist für den Vogel durchaus mit körperlichem Stress verbunden und nach dem aufwärmen ist das Tier darauf angewiesen, möglichst bald wieder ausreichend Nahrung zu finden um wieder „auf Touren“ zu kommen. Dass das funktioniert, ist vor allem vor dem Hintergrund beeindruckend, dass alle Vögel wie auch wir Säugetiere grundsätzlich homoiotherme, also gleichwarme Lebewesen sind, die darauf angewiesen sind, dass sie ihre Temperatur immer in einem bestimmten Rahmen halten um keine physischen Schäden davonzutragen. Ihre Körpertemperatur überschreitet die des Menschen dabei sogar um einige Grad Celsius und liegt mit bis zu 42°C in einem Bereich, in dem wir uns schon zügig auf den Weg ins Krankenhaus machen sollten, wenn wir noch können. Unsere Pflegevögel müssen sich über derlei Dinge aber keine Sorgen machen. Der Winter ist nicht die Zeit für eine Diät. Sie bekommen täglich so viel Nahrung, wie sie fressen können und wollen und haben damit keine Probleme, ihre Energieverluste wieder auszugleichen und ihre Körpertemperatur auf einem annähernd konstanten Level zu halten. Auch um eingefrorenes Futter brauchen sie sich keine Sorgen machen, dagegen sind wir ihnen behilflich. Ein Luxus, den z.B. Schneeeulen in arktischen Gefilden nicht haben. Damit sie sich im Winter nicht nur von Maus am Stiel ernähren können, haben sie sich einen besonderen Trick einfallen lassen. Ähnlich wie Pinguine, die ihre Eier auf ihre Füße legen um sie vor Bodenkälte und dem damit einhergehenden Kältetod des Embryos im Ei zu schützen, legen sich Schneeeulen ihre gefangene Beute auf die Füße und setzen sich drauf, um die Reste, die sie nicht sofort schlucken können vor dem einfrieren zu bewahren. Apropos Schneeeule… es hat überhaupt nichts mit diesem Thema zu tun, aber wer beschwert sich schon über einen unnötigen Fakt am Rande? Hedwig in den Harry Potter Filmen war eine männliche Schneeeule, gut an ihrem bzw. seinem fast rein weißen Gefieder zu erkennen. Schneeeulenweibchen sind hingegen mit vielen schwarzen Flecken auf ihrer weißen Grundfarbe versehen.
Wie diese Information in diesen kalten Zeiten jetzt warm hält, weiß ich auch nicht, aber wenigstens müssen wir uns nicht auf unser Essen setzen damit es nicht einfriert.
Die wichtigsten Informationen aus diesem Newsletter auf einen Blick:
Wir sind nicht dick, das ist nur Wärmeschutz und jetzt ist nicht die Zeit für eine Diät, also gönnen Sie ruhig auch Ihren gefiederten Freunden eine Futterstelle am Fenster oder im Garten.
Und dann ab unter die Kuscheldecke und Harry Potter gucken (oder irgendein anderes Bildungsprogramm)! ;)
Gegen frostiges Futter hilft uns auch Ihre Kohle!